Anregende Erregungsanstifter

September 20, 2016

Schöne Kritik in der Tiroler Tageszeitung vom 20.09.2016 

 

Mit „Menstruationshintergrund“ sucht das Theater praesent nach Selbstbehauptungsstrategien.

Innsbruck – Mit den Tiermasken wird Kontinuität unterstrichen: Esel, Schaf und Ziege geisterten bereits durch Anja Hillings „Was innen geht“, mit dessen Uraufführung das Theater praesent in der zurückliegenden Spielzeit ein Glanzlicht in Tirols freie Szene setzte.

 

Klug, fein-, ja hintersinnig und bisweilen drastisch ist auch die neue praesent-Produktion „Menstruationshintergrund“, die gewissermaßen dort ansetzt, wo Hillings Pubertäts-Tragödie aufhört, und vor Augen führt, dass Gewissheiten auch nach Erlangen der Geschlechtsreife rar und Erregungsanstifter vielfältig sind.

 

Aber „Menstruationshintergrund“ ist dabei weniger Stück als belebte Text-Collage: Es wird, ausgehend von Interviews und selbst gemachten Erfahrungen, erzählt – mal in lächelndem Parlando, dann in schäumender Rage –, illustriert, ausgestaltet, gewitzelt, und gewuselt. Vor allem aber wird erörtert, was es heißen kann, heutzutage Frau zu sein. 

Auf der von Katharina Ganner mit einfachen Mitteln effektvoll und effektiv gestalteten Bühne betreiben Alev Irmak, Julia Kronenberg und Teresa Waas also nicht zuletzt Arbeit am Klischee: Was bedeutet Emanzipation? Unterwandert der Blick aufs Äußerliche feministisches Engagement? Lässt sich statistisch beglaubigte Ungerechtigkeit relativieren? Ist Selbstdeflorierung ein Ausweg aus patriarchaler Wichtigmacherei? Und was, wenn angedachte Auswege nichts anderes sind als Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

 

Eine solche Unternehmun­g, zumal wenn sie den selbstbewusst-kämpferischen Titel „Menstruationshintergrund“ trägt, läuft immer Gefahr, zum Thesentheater zu werden. In der Regie von Elke Hartmann passiert dies aber nicht: „Menstruationshintergrund“ ist tragikomische Bestandsaufnahme schiefer Verhältnisse, beseelt von berechtigtem Zorn, spöttisch – und immer wieder gebrochen durch galgenhumorige Ironie, die durch die zart-zerbrechlichen Traum- und Albtraumbilder auf der Bühne schimmert. Nun mag Ironie bei der Suche nach Selbstbehauptungsstrategien wenig zielführend sein. Aber sie erlaubt temporäre Befreiung durch beherztes Auflachen. „Menstruationshintergrund“ ist ein gelungenes und unterhaltsames Beispiel für Theater, das sich selbst nicht immer bierernst nehmen muss, um seinem fraglos bierernsten Thema gerecht zu werden. (jole)

 

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© Julia Kronenberg

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